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Donnerstag, 29. Dezember 2005
Glück gehabt
Wieder mal eine Inventur abgeschlossen, hunderttausende Daten bewegt, exportiert, analysiert, überspielt. Datensätze sind gefügig. Menschen sind Schweine. Was die Kollegen da an Unfähigkeit, Abneigung und teilweise sogar Hass gegeneinander entwickeln, kommt in so einer Stresssituation besonders zum Vorschein. Als Geist- und Kulturmensch macht man sich ja keine Vorstellung von diesen Niederungen. Und das Schlimme ist, dass dies ja gar nicht die wirkliche Hölle ist, wie sie Krieg und Katastrophen darstellen, sondern der ganz normale Alltag. Millionenfach ganz normal.
Im Zug dagegen war es weitgehend friedlich, sogar gut zu ertragen. In der sogenannten Zeit zwischen den Jahren ist es unterwegs auf den Verkehrsadern ruhig. Dafür dann am Hauptbahnhof wieder der Wahnsinn. Dumme Menschen mit Kindern, dumme Menschen mit Hunden. Alle ohne Führerschein unterwegs. "Wo soll das alles enden?"
Habe mir dann beim Kitschdiscounter eine billige Moleskine-Imitation für 79 Cent gekauft. Machte mich sehr glücklich; - so muss der Shoppingrausch gehen.
Dann zu Karstadt, Ersatz für den vor nicht mal einem Jahr angeschafften Wasserkocher kaufen. So riesig war die Auswahl nicht. Hier ein Designerstück für nur noch neunenneunzich Euro, da eins für neuenensiebzich, und während ich durch die Regale streife, flehe ich innerlich: "Lass mich nicht zu Saturn müssen! Bitte nicht zu Saturn! Bitte, Karstadt, lass mich hier einen Wasserkocher finden!" Aber unter 50 Euro war nichts zu machen. Also zum Satan. Und wie erwartet: alle Modelle, die Karstadt hatte, waren beim Geizspezialisten zehn, zwanzig oder sogar 30 Euro teurer! (A propos: die einfache Fuji xD-Karte mit 512 MB kostet da 59.90 EUR.)
Ich baue jetzt die Spielzeugeisenbahn ab.
Ein Roboter für die Kommunikation ist vielleicht nicht die schlechteste Idee.

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Man erlebt es ja immer wieder,
dass die Geizgeilen und Wir-holen-den-Tiiiitel-Märkte ziemlich hinlangen beim Preis. Meine ISDN-Minianlage gabs im T-Punkt 10 Tacken günstiger als beim Saturn. Im T-Punkt! Isses zu glauben? Dabei bin ich da ja nur aus reiner Verzweiflung hingegangen, weil weniger voll vor Weihnachten. Tja...

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sie wissen schon das saturn und media-markt beide zur metro-group gehören?

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Ja, klar
und Praktiker und Kaufhof und und und. "Wem gehört die Republik?" gehört zu meiner Bettlektüre...

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wer sagte das, "die hölle, das sind die anderen"?

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Jean-Paul Sarte
Aber ich nehme an, Ihre Frage war rhetorisch gemeint... ;-)

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jaja ;-)

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"der mensch in der revolte" - das kann man ja heute nicht mehr sagen. da müsste der camus mal wieder kommen und sagen, ob es vielleicht reicht, einfach nur schwarzen kaffee zu trinken. das wäre mal sehr nötig.

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Definitiv.
Hach ja, Sarte und Camus, die Denker-Helden meiner Jugend. Als Philosoph fand ich den Sartre ja irgendwie stringenter - aber Camus war halt doch der coolere Typ. Auch wenn mir "Der Fremde" immer ziemlich fremd blieb.

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ich glaub ich hab das zitat heute noch an 2,3 anderen stellen benutzt. hat immer gepasst.

kaffee trinken ist definitiv nicht genug.

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Camus ist der eigentliche Humanist, der sich erst gar nicht mit falschen Freunden ins Bett gelegt hat (man muss sich nur mal den abstrusen Quark vor Augen halten, den man sich mit und nach 68 so reingetan hat: Marx (oder eher noch die erheblich quarkigeren Nachfolger), Heidegger, Ernst Jünger). Camus hat die Bedingungen der Freiheit zeitgemäßer erfasst, und konnte die Selbstbehauptung durch die Revolte noch als Praxis beschreiben. Heute ist Revolte völlig ausgehöhlt, und die meisten Revolten betreiben das Gegenteil von Freiheit und Emanzipation, das scheint geradezu ihr Kennzeichen zu sein. Die letzten positiven Beispiele sind vielleicht die der Sandinisten und die osteuropäische Befreiung vom Staatssozialismus. Ansonsten kein Humanismus weit und breit. Schlimmer noch, Rückkehr des Religiösen. Die Alternativen, die sich uns derzeit bieten, sind offenbar Zerstörung des Menschlichen oder Zerstörung des Menschlichen. Die Progressiven haben seit mittlerweile 50 Jahren ihre Hausaufgaben nicht gemacht.

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Nachdem ja nun
wie es scheint alles schon mal da war, ist die Richtungsbestimmung 'wo geht´s denn hier nach progressiv?' nicht mehr so einfach vorzunehmen. Kein Wunder, dass Mitmenschen auf die Idee kommen, 'rückwärts is the new vorwärts' zu deklarieren.

By the way bin ich der Meinung, dass das religiöse Paradigma nie wirklich so weit weg vom Fenster war, wie es vielleicht mal aussah. Trotz ihres betont atheitischen Outfits hatte ja auch die marxistish-leninistische Ideologie ihre protoreligiösen Elemente.

In welche Richtung müsste denn Progressivität Ihrer Meinung nach zielen - und wogegen sollte unsereins hier und heute revoltieren? Sollen wir auf Web 2.0 hoffen, das uns von allen Übeln erlösen wird? ;-)))

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der mensch, seine unversehrtheit, seine freiheit - das ist die messlatte und gleichzeitig das ziel der progressivität. drum kamen ja auch alle ideologischen surrogate der vergangenheit nicht umhin, irgendwelche verblasenen diesbezüglichen versprechungen in ihren katechismus einzubauen. aber die meisten betonten dann doch immer noch, dass es letztlich eine höhere sache als das individuum gibt: gott, rasse, partei ... - und das ist immer der direkte weg in die hölle. auch der "kapitalismus" hat ja stets einen ideologischen "überbau". der kann möglicherweise flexibel gewählt werden - die unversehrtheit und freiheit des individuums ist ihm an sich gleichgültig. deshalb muss man sie erstreiten und verteidigen.

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Dieses Statement
würde ich ohne Bedenken auch unterschreiben. Nur ist es leider mit der Revolte in der Praxis gar nicht so einfach. Da man als einzelner ja nun doch nicht so den großen Bums hinkriegt, ist die Versuchung groß, sich in einem größeren Verbund mit Leuten (oder sozialen Strukturen) zu organisieren, von denen man hofft, dass sie die eigenen Ziele auch teilen. Und das trägt mit den Gruppen- und Fraktionszwängen, die das so mit sich bringt, den Kern weiterer Unfreiheiten in sich. Es gilt immer wieder aufs Neue zu überprüfen, ob die gewählten strategischen Allianzen wirklich noch zielführend sind oder ob man sich halt wieder mal hat ködern lassen von einer Luftnummernveranstaltung, die eigentlich ganz andere Süppchen auf dem Herd hat als die Bewahrung oder gar Mehrung der individuellen Freiheiten. Also habe ich im Prinzip zunächst mal möglicherweise mehr Freiheit, solange ich mich aus sozialen Strukturen mit ihren immanenten freiheitsmindernden Faktoren weitgehend heraushalte, dafür fehlt es mir aber an Breitenwirkung, um den gesamtgesellschaftlichen Verlust von Freiheiten effektiv entgegentreten zu können. Würde mich wirklich mal interessieren, wozu Camus heute raten würde.

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es gibt sie ja nach wie vor, die großen themen: menschenrechte, soziale gerechtigkeit, bewahrung der natürlichen ressourcen. und während einerseits die progressiven bewegungen der vergangenheit ideologisch verrosten und andererseits die menschen in den demokratischen industrienationen bequem und selbstgefällig werden, steht möglichwerweise diese bequemlichkeit auf dem spiel. und zwar nicht im sinne von luxus, wohlstand, sondern im sinn von kultur, freiheit.
jemand wie camus (oder sartre in seinen besten stücken) könnte das wieder deutlich machen.

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Yep. An Stimmen, die vor dem schleichenden Verlust von Freiheiten warnen, fehlt es ja nicht. Aber das sind meistens marginalisierte Gestalten wie Sie und ich, Privatparanoiker ohne Breitenwirkung. Wir sehen fassungslos, wie demokratische Instanzen und institutionelle Schutzmechanismen gegen die Diktatur immer mehr geschleift werden, um vermeintlicher Sicherheit willen. Landser Bundeswehrsoldaten im Einsatz bei der WM 2006? Ja, mein Gott, man kann doch nicht tatenlos zusehen, wie die Hooligans und Randalierer doitsche Innenstädte terrorisieren? Vorratsdatenspeicherung? Ja, aber hallo, wenn Sie immer nur Mami und Ehefrau anrufen, müssen Sie auch nichts befürchten.

Dass den zeitgenössischen Dramatikern dazu nichts Gescheites einfällt, das ist schon ziemlich traurig. Selbst in einem Serienschwachsinn wie Akte X steckt ja noch mehr sozialkritisches Potenzial als in den meisten zeitgenössischen Dramen. Kein Wunder, dass sie in den Theatern auch immer nur die ewigen Klassiker rauf- und runternudeln...

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klassiker wär's ja noch. gruppendynamische aufführungen wie "wir tanzen den baader-meinhoff-prozess" finde ich noch substanzloser und öder. aber das ist vielleicht geschmackssache.
habe mir heute heinrich von kleist sowie "habermas tratscht mit ratzinger dem viertel vor zwölften" bestellt (man will ja auch mal was zu lachen haben!). die erleuchtung kommt per paketservice :-)

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